Man könnte meinen, diese Frage stellt man sich nur einmal im Leben (vor der Adoption des ersten Hundes). Doch weit gefehlt, viele Hundehalter beschäftigt sie vor jeder Adoption aufs Neue und manche sogar während der gemeinsamen Zeit mit ihrem Vierbeiner, in Form von Schuldgefühlen (werde ich ihm gerecht? Hätte er es bei jemand anderem besser? Ist er nur wegen mir so geworden?…) damit.

Vor allem zu Letzteren möchte ich sagen: sorgst du liebevoll für deinen Hund und achtest auf einen fairen, gewaltfreien Umgang, bist du genau die Richtige für ihn. Jeder von uns macht Fehler (ja auch jeder Trainer) und manchmal haben diese Fehler Auswirkungen. Doch das macht keinen von uns zu einem schlechten Menschen.

Manchmal hören wir auch auf alte Weisheiten von Menschen, die wir für kompetent halten und wenden Praktiken an, die sich später als fatal herausstellen.

All das kann natürlich Folgen haben, ABER Hunde sind wahnsinnig verzeihend, du musst dir diese Fehler aber auch selbst verzeihen. Ich bin fest davon überzeugt, dass in jedem Fehler etwas Gutes steckt, und sei es nur die Möglichkeit daraus zu lernen.

Ich selbst war anfangs entgegen meinem Bauchgefühl oft grob zu Sammy, weil mir das als notwendig erklärt wurde. Doch es hat nicht lange gedauert und genau das hat dazu geführt, dass ich mich gegen Gewalt im Hundetraining einsetze und jetzt einen umso sanfteren Umgang pflege und weitergebe.

Sammy vertraut mir trotzdem und wir sind ein tolles Team geworden.

An dieser Stelle ein herzliches Danke an Sabine Koch-Bischof und Ursula Aigner, die mir diesen sanften Umgang ganz am Anfang beigebracht haben.

Wenn dein Bauchgefühl also aufschreit, hör vielleicht mal genau hin, was es dir sagen möchte. Verhaltensweisen lassen sich meist ändern… auch die der Menschen 😉

Nun aber zur Auswahl des passenden Hundes.

Dein Leben

Zu allererst ist der Blick auf dein Leben wichtig. Schreib dir genau auf, wie deine Situation und dein Umfeld aussehen.

  • Wo und wie wohnst du (WG, alleine, in der Stadt, ländlich, Mehrparteienhaus, Einzellage, Lift, Garten, Verkehrssituation usw)?
  • Wie lange bist du täglich außer Haus?
  • Soll der Hund dich zur Arbeit begleiten?
  • Gibt es in deinem Umfeld Kinder/Hunde/andere Tiere?
  • Gibt es bestimmte Auflagen (zB Rasseliste, Einverständnis des Vermieters)?

Diese Punkte geben dir erste Auswahlkriterien. So kann beispielsweise ein Hundesenior in einer Wohnung im 5. Stock ohne Lift schwierig werden. Ist er klein genug, kann man ihn eventuell tragen, aber auch das mag nicht jeder Hund.

Wenn der Hund zur Arbeit mitkommen darf, kannst du vielleicht einen wählen, der ein entspanntes Gemüt hat, gut mit Menschen zurechtkommt, aber schlecht alleine bleiben kann.

Lebst du mitten in der Stadt, wird ein Angsthund, oder ein sehr bellfreudiger Vierbeiner eher nicht die richtige Wahl sein.

Gibt es in deinem Bundesland/Kanton oä besondere Auflagen für bestimmte Rassen, ist es zwar besonders großartig, wenn du dich der Herausforderung trotzdem stellst. Bedenke jedoch bitte auch, dass sich viele Menschen durch die Hetze der Medien und Politiker, vor diesen Hunden (mehr) fürchten. Du bist also als Halter umso mehr im Auge der Gesellschaft, und hast quasi die unfreiwillige Aufgabe als gutes Beispiel voran zu gehen.

Ein leinenaggressiver Rottweiler in Wien hat es leider momentan sehr schwer. Auch wenn weder der Hund noch seine neuen Menschen etwas dafür können. Trotzdem ist es möglich auch mit so einem Hund als gutes Beispiel voran zu gehen, vor allem bei Menschen, die man täglich trifft und die eine Verbesserung durchaus erkennen (manchmal).

Kurz gesagt, mit Listenhund brauchst du oft (vor allem in Großstädten) eine dicke Haut und eine gute Portion Humor. Schlagkräftigkeit und Wortgewandtheit kann natürlich auch nicht schaden 😉

Doch nicht nur Listenhunde treffen oft auf Unverständnis. Konflikte entstehen überall, wo mehrere Menschen aufeinander treffen. So gibt es immer wieder Radfahrer, die von Hundehaltern genervt sind und umgekehrt. Hundehalter, die mit ihren schlauen Ratschlägen ungefragt in die eigene Erziehung einwirken wollen usw.

Nicht selten entstehen auf Spaziergängen Diskussionen über Nahkontakt, Hundeverhalten, Hundegröße und die damit verbundenen Besonderheiten.

Solchen Gesprächen mit Fremden gehe ich am liebsten aus dem Weg oder beende sie schnell und freundlich. Ich habe meine eigene Meinung zu diesen Themen und die wird mir kein Fremder „austreiben“ können. Bist du dir unsicher, kannst du jederzeit auf Fachleute zurückgreifen 😉

Deine Vorlieben

Natürlich zählt die Optik einer bestimmten Rasse auch zu den Auswahlkriterien. Es hilft ja nichts, wenn ein Mops tendenziell am besten zu deiner Lebenssituation passt, du aber das eingedrückte Gesicht nicht magst.

Zum Glück hat jeder Hund seinen individuellen Charakter und Rasseeigenschaften sind nur ein Leitfaden. Außerdem gibt es meist mehrere Möglichkeiten oder Kompromisse.

Magst du es zB groß, flauschig und möglichst ruhig wäre ein Herdenschutzhund vielleicht passend. Lebst du aber mitten in der Stadt in einer Wohnung und hast ständig Besuch, wird die Suche schwieriger. Dann könnte aber vielleicht ein Berner Sennenhund gut passen.

Suchst du deinen neuen Begleiter im Tierschutz, hast du ohnehin meist Mischlinge und (hoffentlich) das Beste auch mehreren Rassen. Gefällt dir der einzelne Hund, schau dir an, ob er zu dir passt und die Chemie stimmt.

Du kannst dir also zu deiner Liste notieren, welche optischen und charakterlichen Merkmale du in einem Hund schätzt.

Die Größe

Hier haben beide Richtungen Vorteile. Große Hunde sind einfacher mit Futter aus der Hand zu belohnen, man beugt sich beim Anleinen nicht so schnell über sie und fremde Menschen sind weniger übergriffig. Kleine Hunde dagegen können (wenn sie es gut gelernt haben und mögen) situativ getragen werden, verursachen geringere Kosten und es wird schnell mal eine Auge zugedrückt (Maulkorbpflicht). Dafür hat man bei „Problemverhalten“ umso mehr mit Vorurteilen zu kämpfen und sie brauchen (genau wie alte oder kurzfellige Hunde und Welpen) einen Mantel im Winter und eventuell bei Regen.

Tendenziell sind kleine Hunde flippiger und große Hunde ruhiger, aber diese Faustregel stimmt auch oft genug nicht mal ansatzweise.

Wie du siehst, gibt es kein Richtig. Entscheide auch hier nach deinen Vorlieben bzw nach dem Charakter des einzelnen Hundes.

Die Anforderungen

Jetzt kommen wir zu den Aktivitäten, die du mit deinem Hund gerne machen möchtest. Gehst du gerne Wandern, wäre ein körperlich fitter Vierbeiner eine gute Wahl. Möchtest du deinen Hund so oft wie möglich mitnehmen, Freunde mit ihm besuchen usw ist ein sehr souveräner Hund, der gut mit Menschen, Tieren und Autofahren klar kommt, zu suchen. Hier solltest du auch das Lebensumfeld deiner Freunde beachten.

Besuchst du gerne jemanden mit Katzen, sollte dein Hund also gut mit Miezen zurechtkommen, auch wenn du selbst nicht mit ihnen lebst.

Das Alter

Jedes Alter hat Vor- und Nachteile (das kennst du ja mittlerweile schon).

Arbeitest du und kannst den Hund nicht mitnehmen, passt ein erwachsener Hund besser als ein Welpe. Möchtest du einen „einfachen“ Hund, der gerne kurze Strecken spaziert und viel kuschelt, ist ein Senior vielleicht das richtige.

An dieser Stelle möchte ich gerne eine Empfehlung für Hunde ab 6 Jahren aussprechen. Sie gelten in Tierheimen schon als schwerer vermittelbar. Kommen gesundheitliche oder verhaltenstechnische Probleme hinzu, hat der Hund kaum eine Chance, ein schönes Zuhause zu finden.

Hast du also die Möglichkeiten, wäre es großartig so einem Hund ein warmes Plätzchen zu geben.

Tierheim oder Verein

Ich gehe hier bewusst nicht auf Züchter ein, weil es für mich keinen Grund gibt, einen Hund auf diesem Wege aufzunehmen. Das kann natürlich jeder für sich entscheiden, aber da bin ich der falsche Ansprechpartner.

Einige Jahre und Adoptionen haben mich gelehrt, dass es hier deutliche Unterschiede gibt. Grundsätzlich kann man sagen, je höhere Anforderungen du an den Hund stellst (zB Stadtwohnung, Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Kinder und Katzen im Haushalt, oft Besuch von Hunden), desto eher findest du bei einem Tierschutzverein einen passenden Hund.

Das liegt daran, dass die Hunde im Tierheim zwar oft auf Verträglichkeit getestet werden, der Stresspegel dort allerdings das Ergebnis verfälscht. Genauso wäre es bei einer unpassenden Pflegestelle oder Direktadoption aus dem Ausland.

Direktadoptionen bergen die größten Risiken. Meist kann man über den einzelnen Hund kaum etwas sagen, der Transport ist sehr anstrengend für den Hund und man bekommt ein gestresstes Überraschungspaket. Trotzdem kann das eine Option sein, wenn du kaum Anforderungen, viel Geduld und im Notfall einen guten Trainer zur Verfügung hast.

Die sicherste Variante, das Verhalten einschätzen zu können ist, den Hund bei einer Pflegestelle kennenzulernen. Hier lebt der Hund bereits in familiärem Umfeld, möglicherweise mit anderen Tieren zusammen und lernt das Leben in menschlicher Gesellschaft kennen. Die Pflegemama kann auch den Charakter gut einschätzen und hier umfassende Informationen geben.

Du solltest aber darauf achten, wie viele Hunde/Tiere dort auf welchem Raum zusammenleben, wie die Gruppendynamik ist und auch wie die Pflegestelle mit den Tieren umgeht.

Zusammenfassend

Sei dir bewusst, was du gerne von dem Hund hättest und was für dich in Frage kommt. Beantworte dir diese Fragen sehr ehrlich und gehe so wenige Kompromisse wie möglich ein.

Wenn du mit den Vorbesitzern/Tierheimmitarbeitern/Vermittlern sprichst, frage ihnen ruhig Löcher in den Bauch. Je mehr du im Vorfeld weißt, desto eher kannst du dich auf die Veränderung in deinem Leben einstellen.

Im Zweifel bieten auch viele Trainer Beratungen vor der Adoption an 😉