Angsthund – tolles Projekt oder hoffnungsloser Fall

Zuerst sollten wir festhalten, dass jeder Angsthund besonders ist.

Man kann also nicht davon ausgehen, dass sich jeder Angsthund gleich entwickelt oder auf die gleichen Trainingsideen anspricht.

 

Doch nochmal an den Anfang.

Was ist eigentlich ein Angsthund?

 

Für mich ist jeder Hund, der täglich mit Ängsten zu kämpfen hat ein Angsthund. Allerdings verschwimmt diese Grenze etwas.

Ich bin sicher, du hast ein ganz bestimmtes Bild bei dem Wort „Angsthund“ im Kopf.

Vielleicht ist es ein Hund, den du mal kennen gelernt hast, vielleicht auch dein eigener, vielleicht verschiedene.

Es ist sicher auch nicht jeder Hund von Ängsten gleich beeinträchtigt.

So fürchten sich viele Hund vor irgendwas, haben dann eben eine Angstreaktion (zB den Rückwärtsgang einlegen) und sind nach dem Verschwinden des Auslösers wieder völlig unbeschwert.

So ein Hund leidet in unseren Augen vermutlich nicht.

Ein anderer Hund, der zB große Angst vor Menschen hat, und ständig in einer Box kauert (weil sind ja Menschen im Haus), sogar vor der Bezugsperson Reißaus nimmt und dauernd einen Angriff befürchtet, leidet ganz offensichtlich.

 

Jetzt verstehst du sicher, warum ich meine, die Grenze ist schwimmend.

Wir können jedenfalls festhalten, dass je weniger ein Hund im Alltag von seiner Angst eingeschränkt wird, desto besser geht es ihm und desto leichter das Training.

Vielleicht denkst du dir jetzt „darauf könnte man doch schon bei der Vermittlung achten, oder?“. Jap, richtig!

Sind die Ängste des Hundes schon von Tierschutzverein erkennbar (nicht immer ist das der Fall, weil auch Auffanglager meist nicht in der Innenstadt liegen und viele Reize dort gar nicht zu testen sind), sollte auf jeden Fall darauf geachtet werden, dass der Hund in ein Zuhause kommt, wo er möglichst wenig Angstauslösern ausgeliefert ist.

Bei Pflegestellen-Hunden ist das natürlich noch um vieles einfacher, denn eine Pflegestelle kann über die Dauer des Aufenthalts vieles testen.

Ein Hund, der Angst vor anderen Hunden, Autos, Menschen, lauten Geräuschen oä hat, sollte also bestenfalls sehr ländlich vermittelt werden.

 

Doch nicht immer sieht man die Ängste vorher.

Und nicht immer ist überhaupt eine Einschätzung möglich, denn der Hund scheint sich im Shelter vor allem zu fürchten. Die genauen Reize herauszufinden sind in so einer Situation völlig unmöglich.

Dabei kann so ein Hund in einem Zuhause ganz anders reagieren.

Die Sheltersituation war einfach überfordernd und das hat die Angstreaktionen hervorgerufen.

Es ist ein bisschen so, wie wenn wir, nach einem Urlaub auf einer einsamen Insel, plötzlich in die U-Bahn zu Stoßzeiten einsteigen… system overload.

 

Wir haben hier also einen möglichen Auslöser von Ängsten gefunden: Überforderung mit einem (neuen) Reiz.

Weitere Auslöser können sein

  • Schlechte Erfahrungen (Traumata)
  • Keine Erfahrungen

Dass Traumata Ängste hervorrufen, ist vermutlich nichts Neues für dich.

Die Angstreaktion wird dabei von verschiedenen Triggern ausgelöst (Geräusche, Gerüche, Anblick, Gefühl,…).

So kann zB das Gefühl des Autos in Kurvenlage bei nasser Fahrbahn eine Angstreaktion auslösen, wenn du in so einer Situation schon mal einen Unfall hattest.

Die gleiche Situation kann aber auch Angst auslösen, wenn du dir über die Möglichkeit eines Unfalls bewusst bist und davor Angst hast.

Unsere Hunde planen ja nicht voraus, aber auch sie haben angeborene Vorsichtssysteme, die eine drohende Gefahr erkennen und das Tier in Alarmbereitschaft versetzen.

Die sind zB bei lauten, dunklen Geräuschen aktiv (Stichwort: Männer mit tiefer Stimme, Gewitter), denn die bedeuten etwas Großes und potentiell gefährliches nähert sich.

In diesen Fällen muss der Hund keine Erfahrungen haben, um die Angstreaktion zu zeigen.

 

Und damit sind wir auch schon beim Thema Sozialisierung.

Die Sozialisierung bezieht sich auf alle Reize, die der Welpe in der sensiblen Phase kennenlernt (dabei unterscheiden wir von der Gewöhnung, das soll aber hier nicht Thema sein).

Lernt ein Welpe viele verschiedene Geräusche, Tiere, Objekte, Untergründe usw positiv kennen, wird er neuem Gegenüber generell aufgeschlossener. Er erwartet also von Unbekannten Dingen im Leben eher etwas Positives.

Zusätzlich helfen erlernte Strategien, die dem Hund die Sicherheit geben, mit etwas Unbekanntem umgehen zu können.

Wenn du das vergleichen möchtest…

 

Du kennst bestimmt den Ausdruck „lösungsorientiert denken“.

Menschen, die lösungsorientiert denken, scheinen mit nichts ein Problem zu haben und irgendwie durch Krisen zu flanieren.

Warum?

Weil ihr Hirn beim Auftreten automatisch nach einer Lösung sucht, diese somit schneller findet und damit quasi die Angstreaktion überbrückt.

Denn wenn ich weiß, was ich tun kann, um die Katastrophe zu verhindern oder abzufedern, brauche ich keine Angst haben.

 

Ein Beispiel:

Du hast einen Termin, zu dem du mit dem Zug fahren willst.

Der Zug hat 25min Verspätung.

Hast du eine Lösung (zB genug Zeit eingeplant, um warten zu können; Geld fürs Taxi dabei; einen Notfallkontakt, der dich mit dem Auto bringen kann; die Nummer der Person, die auf dich wartet, um zu verschieben,…), wirst du dich vielleicht kurz ärgern aber keine Angst haben.

Hast du keine Lösung, wirst du hektisch und dich vielleicht sogar in eine Angstreaktion hineinsteigern.

 

Genau so geht es auch unseren Hunden.

 

Was also können wir machen, um ihnen zu helfen?

 

Ganz allgemein gilt: alles, was das Selbstbewusstsein stärkt, hilft gegen Angst.

Individuell sieht das sehr viel schwieriger aus.

Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, Management für die Zeit des Trainings zu betreiben, sodass der Angstauslöser niemals die Angstreaktion auslöst und den Hund überfordert.

Das würde nämlich Rückschritte bedeuten.

 

Vielleicht fällt dir dabei auf: das ist gar nicht immer möglich.

Und genau da liegt der Hund begraben.

Wir können Gewitter, Insekten, Wildtiere usw nicht kontrollieren und somit auch nicht unseren Trainingswünschen anpassen.

 

In solchen Fällen müssen wir mit Rückschritten rechnen und so gut wie möglich unser Management anpassen.

Außerdem müssen wir bei unmöglichem Management, unbedingt mit einem Verhaltenstierarzt zusammenarbeiten, denn diese Hunde brauchen möglicherweise Medikamente.

 

Und es kann sogar passieren, dass die Lebensumstände so schlecht zum Hund passen, dass ein kompletter Lebenswandel oder eine Abgabe des Hundes notwendig sind.

Das ist leider die traurige Realität.

 

Hat ein Hund zB Panik vor Schüssen und lebt neben einem Schießplatz ist eine Besserung so gut wie unmöglich. Ist kein Umzug möglich, wird eine Abgabe greifbar.

 

Doch meistens können wir sehr viel ändern, wenn wir ein bisschen open-minded sind und auch mal über den Tellerrand hinausschauen wollen.

Ein Blick von außen ist hier in jedem Fall Gold wert.

Scheu dich also nicht davor, mit einem Profi zusammenzuarbeiten oder dir die verschiedenen Möglichkeiten anzuschauen.

 

Du möchtest genau das machen?

Dann schau doch mal hier rein: https://www.wattebaellchen.at/courses/selbstbewusster-hund-sichere-bindung/  😉

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